Wednesday, August 04, 2010
Kapitel 35
Sarah sass mir gegenüber. In diesem Restaurant, in das wir eigentlich nicht hineinpassten. Wir feierten ihre Prüfungen. Und meinen neuen Job. Vorstellungsgespräche sind einfach. Sie sind wie Dates. Nur ist einem das Gegenüber noch gleichgültiger. Und alle wollen mehr oder weniger dasselbe hören. Es ist im Büro viel einfacher zu erraten, ob sie Vegetarierin ist oder reich oder Horror-Filme mag. Es wäre mir eine Ehre, für sie zu arbeiten. Wir lachten uns an. Wir wussten beide nicht, welche Gabel als erste zu benutzen. Aber wir fühlten uns gut. Die Atmosphäre war sehr angenehm. Sie genoss es, so vornehm zu essen. Wir redeten. Wie so oft. Über alles und nichts. Wir schämten uns fast, zu laut zu sein. Es roch extrem gut aus der Küche. Mein Lebenslauf hat ein paar offene Enden, was immer nach Erklärungen ruft. Ich habe für alle eine beeindruckende Antwort. Fern der Wahrheit natürlich. Leute lieben Fassaden. Chefs lieben Fassaden. Girls lieben Fassaden. Später immer wieder aufs Neue überrascht, wenn sie von dem Rohbau enttäuscht werden. Weisse Vorhänge. Gelbes Tischtuch. Silbernes Besteck. Wir sahen uns selten, in der Prüfungszeit. Es gab viel zu erzählen. Wir freuten uns über die Erfolge des Andern. Darum geht es in einer Beziehung. Freud und Leid gemeinsam zu erleben. Zu teilen. Zu bestehen. Immer zu wissen, wem man die Neuigkeiten als erstes erzählen soll. Erzählen will. Das ist wirklich das Beste. Beruhigend. Wir bestellten noch Dessert. Eis mit Früchten. Ihr Löffel fand natürlich schnell den Weg in meinen Becher. Sie lachte. Meiner in ihren Mund. Moment voller Glück.
Monday, July 05, 2010
Kapitel 34
Es geschah alles innerhalb einer Sekunde. Natürlich hatte ich ihn schon bemerkt. Ich bin immer sehr aufmerksam. Ich sehe in jeder Person eine Gefahr. Noch viel mehr, wenn ich nicht alleine bin. Ich bin mir der Verantwortung für sie bewusst. Ich habe keine Angst. Ich bin genauso eine Gefahr für den Andern. Ich bin nicht für die Opferrolle gesetzt. Nicht mehr. Meine Hand an ihrem Rücken führte sie nahe an mir zum Gebäude hinaus. In dem Augenblick als sich die Tür öffnete, prüfte mein Blick automatisch die nähere Umgebung. Zwei Personen kamen direkt auf uns zu. Ich erwartete nichts. Trotzdem stellte ich sicher, dass Lilly rechts von mir geht. Ich behielt die Beiden im Auge. Ein eher Kleinerer, der Andere etwas grösser. Dunkel gekleidet. Er schaute mir in die Augen. Kurz bevor sich unsere Wege kreuzten. Ich hielt den Blick einen Moment lang. Keinen Grund wegzusehen. Es gab genug Platz links von mir. Mein Arm um Lillys Taille. Sie schenkte dem Ganzen keine Beachtung. Doch ich wollte, dass sie sich sicher fühlt. Dass sie spürte, wie ich die Kontrolle halte. Ich kümmerte mich um sie, als wir auf gleicher Höhe waren. Ich war mir sicher, ich wäre genug aus dem Weg gegangen. Keinen Grund, unnötig etwas heraufzubeschwören. Trotzdem touchierten sich unsere Schultern leicht. Ich wollte es übersehen, lief weiter. Ich geriet nur leicht aus dem Gleichgewicht. Seine Hand spürte ich wie ein Brandzeichen am Rücken. Ich war noch nie wacher. Zeitlupe. Ich sah Lilly neben mir fallen. Drehte mich instinktiv um und traf ihn im Gesicht. Er fiel. Ich war schneller am Boden. Mein Herz pochte wie wild. Blut verschwand in den roten Strähnen.
Tuesday, May 18, 2010
Kapitel 33
Ich bewundere Aussenseiter. Die sich um niemandes Meinung scheren. Die einfach ihr Ding durchziehen. Cowboys. Lastwagenfahrer. Buchhalter. Die so stark sind, keine Bestlätigung von Aussen zu brauchen. Das ist mein Ziel im Leben. So stark zu sein. Vom eigenen Weg so überzeugt zu sein. In der Zwischenzeit will und kann ich kein Aussenseiter sein. Weil nur wenige, wie ich, sie bewundern. Weil ich nach nur wenigen Minuten alleine an einer Bar sitzend, eine Zigarette brauche. Und nach einer weiteren Minute gehen muss. Um der Frage, was ich da mache, zuvorzukommen. Weil ein anderes Ziel wäre, bewundert zu werden. Ich habe nie jemanden betrogen. In jeder Beziehung war ich glücklich. Zufrieden mindestens. Der Zufall hat oft eine entscheidende Rolle gespielt. Ich war froh, dass überhaupt jemand da war. Auswahl hatte ich keine. Dachte ich. Ich bin kein Aussenseiter. Ich bin nicht schüchtern. Ich bin Durchschnitt. Ich falle nicht auf. Ich muss aber auffallen. Ich brauche Anerkennung. Meine Erscheinung ist besser als Durchschnitt. Meine Intelligenz auch. Mein Bankkonto auch. Trotzdem kann ich mich nicht aus meiner dunklen Ecke bewegen. Es fällt niemandem auf, dass ich kein Aussenseiter bin. Ich sollte einfach zufrieden mit mir selber sein. Ohne die Leute, denen es aufgefallen ist, zu verletzen. Ich wäre jemandem aufgefallen, wenn dieser sich erkundigt, was ich da mache. Er würde sich vielleicht darüber wundern. Vielleicht ist er auch beeindruckt, dass ich alleine hier bin. Oder sie würde mir Gesellschaft leisten wollen. Ich würde mich darüber freuen und ihr erzählen, dass zu Hause jemand auf mich wartet.
Saturday, May 01, 2010
Kapitel 32
Sie zieht mich zurück auf die Tanzfläche. Offenbar ist das ihr Lieblingslied. ...wherever you like. Es fühlt sich extrem unwirklich an. Sie fühlt sich dafür umso wirklicher an. Das Leben ist endlich ein Spiel. Und ich gewinne. Tanzen versuchte ich eigentlich stets zu vermeiden. Wie so vieles, was auf Eis stattfindet. Sie gibt mir zum Glück keine Wahl. Ich liebe es. Ich kann es. Aber mich so weit aus meiner Sicherheitszone zu bewegen, und das inmitten so vieler Leute, fällt mir alles andere als leicht. Völlig unbegründet wieder einmal. Niemanden interessiert es, was ich mache. Und wen es interessiert,dem gefällt es. Das Spiel findet hier statt. Es gibt halt viele Mitspieler. Aber man kann nur gewinnen, wenn man mitspielt. Die Angst vor der Niederlage kann nicht grösser sein als der Wunsch zu siegen. ...believe in shooting stars. Wir stehen an der Bar. Noch etwas zu trinken. Während wir warten, streichle ich sanft durch ihr Haar. Sie neigt ihren Kopf zu meinen Fingern und lächelt. Ich kann ihre Augenfarbe in dem schwachen Licht nicht erkennen. Aber sie funkeln. Sie nuckelt am Strohhalm. Es ist herzzerreissend. Diese Mischung aus Schüchternheit und Selbstbewusstsein ist einzigartig. Sie flüstert mir etwas ins Ohr. Ich verstehe nichts. Die Musik ist zu laut. Ich folge ihr zu einem Sofa. Setze mich neben sie. Meine Arme auf der Rückenlehne. ...really wanna live a lie. Sie spielt mit meinem Hemdkragen. Ich behalte mein Glas in der Hand. Ihr Bein schiebt sie langsam über meines. Ich streichle es zurückhaltend. Sie zieht mich zu sich. Nicht mehr ganz sicher, was ich hier gewinne und was ich verliere.
Monday, April 26, 2010
Kapitel 31
Dann gebe ich es halt zu. Ich mag Dates doch lieber als normaler Ausgang mit Kollegen. Lilly stolziert neben mir her. Sie sieht unglaublich aus. Stiefel. Minirock aus Jeans. Ein Korsett-ähnliches Top. Alles sorgfältig ausgesucht. Passend. Stilvoll. Sie weiss immer noch nicht, dass ich mich eigentlich kein Bisschen an sie erinnere. Was mir selber jetzt auch sehr seltsam vorkommt. Rote Strähnen schimmern in den schwarzen Haaren. Ich sollte erwähnen, wie sehr sie mir gefallen. Später. Flüsternd. Oder schreiend unter dem Lärm der Musik. Komplimente werden gut ankommen. Würden sie jetzt schon. Sie ist so liebenswert und gleichzeitig so abenteuerlustig. Sie erzählt gerne von sich. Und ist interessiert. Gebildet. Es steckt so viel mehr in ihr als man auf den ersten Blick denken würde. Ich stehe auf Abenteuer. Ich mag Girls, die entschlossen sind. Die mich nicht fragen. Die loslaufen und selbstverständlich davon ausgehen, dass ich folge. Wie wenn ich gesund wäre. Die wünschen, ich würde auch mal loslaufen. Die mich zu einem couragierteren, zuversichtlicheren Menschen machen. Wir schlendern der Strasse entlang. Volle Trams überholen uns quietschend. Spazieren ist doch viel schöner. Ich sehe unglaublich aus neben ihr. Blick geradeaus. Hinunter auf alle Andern. Sexy Jeans. Sexy Hemd. Teure Uhr. Ich habe mich noch nie wichtiger gefühlt als gerade jetzt. Absolut nicht fehl am Platz. Komischerweise. Hier gehöre ich hin. Neben eine wunderschöne Frau. Wir stellen uns ans Ende der Schlange. Köpfe drehen sich nach uns um. Normaler Ausgang Anderer. Jeder vor uns hasst mich.
Monday, March 29, 2010
Kapitel 30
Ich sitze in einer Ecke des Cafés. Alleine. Ich warte wieder einmal auf Julia. Musik läuft im Hintergrund. Ich beobachte die Leute. Eine Gruppe Schüler unterhaltet sich. Lachen. Der Film war schon lange fertig. Wir sassen immer noch im Kinosaal. Als Letzte. Sie wollte nicht aufhören, mich zu küssen. Wir waren wie Teenager. Sie vor allem. Ich dachte an all die Leute um uns herum. Oder an die, die reinkommen könnten. Meine Paranoia ist ausser Kontrolle. Ich kann kaum die Augen schliessen beim Küssen. Ich mag es, einfach da zu sitzen und zu warten. Ich könnte mich nicht wohl fühlen, hätte ich nicht einen Grund hier zu sein. Leider. Es wäre schön, sich wieder einmal wie Teenager zu benehmen. Die Unbeschwertheit des damaligen Lebens, gepaart mit der Freiheit und dem Geld des Jetzigen müsste eine optimale Kombination sein. Julia gibt mir irgendwie das Gefühl, ich könnte die Vergangenheit korrigieren. Sie ist immer zu spät. Mein Blick pendelt zwischen der Tür und der Gruppe junger Menschen, die ihr Leben geniesst. Der Ärger wird schnell vorbei gehen. Gefühle halten nicht lange an. Lieber sie verärgert mich als ich sie. Die Unbeschwertheit ohne die Unsicherheit. Nur die Angst um sie bleibt. Wurde stärker, verwandelte sich. Sie entführte mich aus dem Kino. Der Eingangsbereich war leer. Wir schlichen hinaus in die Dunkelheit. Ich spürte ihre Hand an meinem Hintern. Es war alles so einfach. Trotzdem habe ich versagt. Ich hasse meine Vergangenheit. Aber ich kann sie nicht verleugnen. Wenn ich mich ihr stelle, kann ich sie vielleicht verändern. Sie dürfte jetzt schon langsam auftauchen.
Tuesday, February 23, 2010
Kapitel 29
Ich arbeite an meinem Schreibtisch. Inspiration suchend. Mir gegenüber sitzt Nathalie. Wir teilen uns das Büro seit wir zusammen hier angefangen haben. Wir starren beide auf den Bildschirm. Ich denke über Veränderungen nach. Über mich. Über was aus mir geworden ist. Sie ist mehr für die Bilder zuständig. Es ist ihr Tag, der langweilig sei, wenn ich weg bin. Wirft sie mir jedenfalls jeweils scherzend vor. Früher hatte ich niemandem etwas über mich erzählt. Und wenn, dann hatte ich mein Leben erfunden. Wie ich es gerne gehabt hätte. Ich war überzeugend. Aber unglücklich damit. Ihre dunklen halb-langen Haare umrahmen die unglaublichen Meer-grünen Augen. Sie trägt weite Hosen mit vielen Taschen. Dazu einen farblich passenden Pullover. Ihr Skater-Look ist ungewohnt stilvoll. An ihr sehr sexy. Sie kennt nur mein neues Ich. Mein gesundes Ich. Ich kann hier sein, wer ich bin und ich fühle mich gut dabei. Ich werde gemocht. Wir bilden unser eigenes Team im Gebäude. Ihr scheinen alle andern Mitarbeiter ziemlich egal zu sein. Können sie ihr auch. Sie hat ihren langjährigen Freund. Kollegen ausserhalb des Büros. Keine Ambitionen auf eine Karriere in dieser Firma. Das gefällt mir. Ich muss nicht um ihre Aufmerksamkeit kämpfen. Das würde mir noch immer schwer fallen. Dann käme mein altes Ich zum Vorschein. Ich lese, was vor mir auf dem Bildschirm steht. Es gefällt mir. Aber ich komme nicht weiter. Ich schaue zu ihr rüber. Eine Hand auf der Maus, die andere spielt mit ihrem dichten Haar. Ich muss lächeln. Es ist beruhigend, einen Verbündeten zu haben. Sie verschönert meinen Tag hier auf jeden Fall auch.
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